Anwesend zu sein bedeutet nicht automatisch, arbeitsfähig zu sein
Präsentismus bedeutet vereinfacht gesagt, dass jemand trotz Krankheit oder deutlicher gesundheitlicher Einschränkung zur Arbeit kommt.
Ich finde dabei wichtig, nicht jedes leichte Symptom sofort mit Arbeitsunfähigkeit gleichzusetzen.
Ein Mensch kann leichte, vorübergehende Beschwerden haben und seine Arbeit trotzdem gut erledigen. Auf der anderen Seite kann jemand zwar körperlich am Arbeitsplatz stehen, aber nicht mehr in der Lage sein, die Leistung zu erbringen, die seine Tätigkeit verlangt.
Gerade in einer Therapiepraxis ist dieser Unterschied entscheidend.
Entscheidend ist, ob der Mitarbeiter seine Arbeit noch in einer Qualität ausführen kann, die für den Patienten und das Unternehmen vertretbar ist.
In der Massagebranche steht immer auch der Patient mit im Raum
Als medizinischer Masseur arbeite ich teilweise 60 Minuten sehr nahe an einem Patienten.
Deshalb beurteile ich Krankheitssymptome nicht nur aus Sicht des Mitarbeiters.
Starker Husten geht für mich bei einer Massage nicht. Grippe und Fieber sowieso nicht. Auch eine stark triefende Nase ist für einen Patienten während einer Behandlung nicht zumutbar.
Bei leichten und vorübergehenden Symptomen kann die Situation anders aussehen.
Die Frage ist für mich immer: Kann der Mitarbeiter seine Tätigkeit vernünftig ausführen und ist die Situation gegenüber dem Patienten vertretbar?
Es geht nicht nur darum, ob der Mitarbeiter arbeiten möchte, sondern auch darum, was man dem Patienten während einer Behandlung zumuten kann.
Nicht jedes Symptom bedeutet automatisch: nach Hause
Ich möchte Präsentismus nicht so darstellen, als müsse jeder Mitarbeiter bei jedem kleinen Symptom sofort zu Hause bleiben.
Leichte Beschwerden können temporär sein. Ein wenig Müdigkeit oder leichte Symptome bedeuten nicht automatisch, dass jemand seine Arbeit nicht mehr machen kann.
Für mich braucht es deshalb eine vernünftige Einschätzung der tatsächlichen Situation.
Wie stark sind die Symptome? Welche Tätigkeit muss die Person ausführen? Wie nahe arbeitet sie mit anderen Menschen? Und wie leistungsfähig ist sie tatsächlich noch?
Gerade dieser letzte Punkt ist für mich entscheidend.
Wenn keine 80 % mehr möglich sind, sage ich: Geh nach Hause
Meine persönliche Grenze ist relativ klar.
Wenn ein Mitarbeiter körperlich nicht mehr in der Lage ist, ungefähr 80 % seiner normalen Leistung zu bringen, macht es für mich keinen Sinn mehr, dass er weiterarbeitet.
Natürlich ist diese Zahl keine medizinische Messgrösse. Sie beschreibt meine praktische Einschätzung als Arbeitgeber.
Ein Therapeut muss konzentriert, körperlich belastbar und beim Patienten präsent sein.
Wenn das nicht mehr möglich ist, hilft es niemandem, nur körperlich anwesend zu sein.
Halbe Leistung ist in einer Dienstleistung nicht automatisch besser als ein sauber organisierter Ausfall.
Warum 50–60 % Leistung langfristig mehr kosten kann als ein Ausfall
Natürlich kostet ein Krankheitstag Geld.
In unserer Praxis kann ein voll ausgelasteter Therapeut bei ungefähr sechs Behandlungsstunden à CHF 140 rund CHF 840 möglichen Tagesumsatz erbringen.
Wenn dieser Mitarbeiter fehlt, müssen Patienten kontaktiert und Termine verschoben werden. Das verursacht Aufwand und blockiert spätere Kapazitäten.
Trotzdem halte ich einen Mitarbeiter, der nur noch 50 oder 60 % seiner normalen Behandlungsqualität liefern kann, nicht automatisch für die wirtschaftlich bessere Lösung.
Wenn der Patient die Behandlung als schlecht erlebt, nicht wiederkommt oder die Praxis nicht weiterempfiehlt, kann daraus ein langfristiger Schaden entstehen.
Dann haben wir vielleicht den Umsatz dieses einen Termins gerettet, verlieren aber zukünftige Behandlungen oder Empfehlungen.
Gerade in einer Praxis entstehen Umsatz und Wachstum auch dadurch, dass Patienten wiederkommen und uns weiterempfehlen.
Manchmal gibt es für mich nichts zu diskutieren
Ich habe Situationen erlebt, in denen ein Mitarbeiter zur Arbeit gekommen ist und für mich offensichtlich war: Du gehörst eigentlich nach Hause.
Dann bin ich relativ klar.
«Du gehst nach Hause. Da gibt es nichts zu rütteln. Du kommst wieder, wenn es dir besser geht. Um den Rest kümmern wir uns.»
Das klingt vielleicht streng, ist für mich aber letztlich auch eine Form von Verantwortung.
Der kranke Mitarbeiter muss in diesem Moment nicht noch überlegen, wie alle Patienten umorganisiert werden oder wer welche Aufgaben übernimmt.
Das ist dann unser Problem als Unternehmen.
Warum kommen Menschen überhaupt krank zur Arbeit?
Ich glaube nicht, dass dahinter immer nur besonders grosser Arbeitseinsatz steckt.
Natürlich gibt es Mitarbeitende, die zeigen möchten, dass sie zuverlässig und belastbar sind.
Aber es können auch ganz andere Gründe dahinterstecken.
Manche Menschen möchten schlicht nicht alleine krank zu Hause sein, weil ihnen langweilig wird.
Andere haben vielleicht Ängste: «Was ist, wenn sie merken, dass ich ersetzbar bin?» oder «Was ist, wenn sie sehen, dass es auch ohne mich läuft?»
Solche Gedanken sind aus meiner Sicht nicht zu unterschätzen.
Der Mitarbeiter möchte zeigen, dass auf ihn Verlass ist.
Die Sorge, ersetzbar zu sein oder an Bedeutung zu verlieren.
Man ist es gewohnt, trotz Beschwerden einfach weiterzumachen.
Manche Menschen fühlen sich bei der Arbeit wohler, als krank alleine zu Hause zu bleiben.
Führung muss deutlich machen, dass Krankheit nicht bewiesen werden muss
Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, sie müssten krank erscheinen, um Zuverlässigkeit zu beweisen, stimmt für mich etwas in der Führung oder Unternehmenskultur nicht.
Natürlich erwarte ich Verlässlichkeit von meinen Mitarbeitenden.
Aber Verlässlichkeit bedeutet für mich nicht, mit Fieber oder starkem Husten einen Patienten zu behandeln.
Als Führungskraft muss man auch bereit sein, die Konsequenzen eines Ausfalls zu übernehmen: Patienten kontaktieren, Termine verschieben und intern Lösungen finden.
Das ist unangenehm und kostet möglicherweise Umsatz.
Aber einen offensichtlich kranken Mitarbeiter weiterarbeiten zu lassen, nur damit der Kalender voll bleibt, kann ebenfalls wirtschaftliche Konsequenzen haben.
Der Mitarbeiter soll sich erholen können, ohne gleichzeitig das Gefühl zu haben, den gesamten Betrieb retten zu müssen.
Fazit: Krank arbeiten ist nicht automatisch loyal
Präsentismus ist für mich kein Zeichen, das man pauschal positiv oder negativ bewerten kann.
Leichte, temporäre Symptome können mit der Arbeit vereinbar sein.
Starker Husten, Grippe, Fieber oder eine stark laufende Nase haben dagegen gerade bei engem Patientenkontakt nichts in einer Massagebehandlung verloren.
Zusätzlich muss die Leistungsfähigkeit stimmen. Wenn ein Therapeut nur noch 50 oder 60 % geben kann, kann die schlechtere Behandlungsqualität langfristig mehr kosten als der kurzfristige Ausfall.
Und manchmal muss eine Führungskraft die Entscheidung abnehmen.
Für mich gilt deshalb: Wer krank ist und seine Arbeit nicht mehr vernünftig ausführen kann, soll nach Hause, gesund werden und erst dann wiederkommen. Um den Rest muss sich das Unternehmen kümmern.
Häufige Fragen
Was bedeutet Präsentismus?
Präsentismus beschreibt vereinfacht das Arbeiten trotz Krankheit oder deutlicher gesundheitlicher Einschränkung. Entscheidend ist dabei nicht nur die Anwesenheit, sondern ob die Arbeit noch sicher und in ausreichender Qualität ausgeführt werden kann.
Wann sollte ein Therapeut krank zu Hause bleiben?
Starker Husten, Grippe, Fieber oder eine stark triefende Nase sind für mich bei engem Patientenkontakt nicht vertretbar. Zusätzlich sollte die körperliche Leistungsfähigkeit für die Behandlung ausreichend vorhanden sein.
Was bedeutet die 80-Prozent-Regel?
Das ist meine persönliche praktische Einschätzung als Arbeitgeber und keine medizinische Kennzahl. Wenn ein Mitarbeiter nicht mehr ungefähr 80 % seiner normalen Leistung erbringen kann, halte ich es meist für sinnvoller, dass er sich erholt.
Warum kann krankes Arbeiten ein Unternehmen Umsatz kosten?
Wenn die Behandlungsqualität deutlich sinkt, können Patienten unzufrieden sein, nicht wiederkommen oder die Praxis nicht weiterempfehlen. Der kurzfristig gerettete Termin kann dadurch langfristig wirtschaftlich teurer werden.
Warum kommen Mitarbeitende trotz Krankheit zur Arbeit?
Neben Pflichtgefühl können auch Ängste eine Rolle spielen, etwa ersetzbar zu sein oder an Bedeutung zu verlieren. Manche Menschen möchten zudem nicht alleine zu Hause sein oder sind es gewohnt, trotz Beschwerden weiterzuarbeiten.
Anwesenheit ist nicht dasselbe wie Leistungsfähigkeit.
Gerade bei direktem Patientenkontakt muss die Frage lauten: Ist die Arbeit heute wirklich noch zumutbar – für den Mitarbeiter und für den Patienten?
