Jeder Mitarbeiter hat einen persönlichen Normalzustand
Für mich gibt es bei jedem Mitarbeiter einen Ausgangspunkt: sein normales Verhalten.
Der eine ist eher ruhig, der andere sehr kommunikativ. Einer arbeitet sehr strukturiert, ein anderer spontaner. Deshalb halte ich wenig davon, einzelne Verhaltensweisen sofort als Überlastung zu interpretieren.
Entscheidend ist für mich die Veränderung.
Wenn ein Mitarbeiter plötzlich deutlich anders wirkt als sonst und sich diese Veränderung ins Negative entwickelt, werde ich aufmerksam.
Genau dort beginnen für mich die ersten Warnsignale.
Typische Warnsignale können sehr unterschiedlich aussehen
Überlastung zeigt sich nicht bei jedem Menschen gleich.
Was ich beobachte, können zum Beispiel folgende Veränderungen sein: mehr Unkonzentriertheit, fehlender Fokus, weniger Motivation, Desinteresse, Aufgaben müssen häufiger erinnert werden, jemand wird schneller wütend als sonst, trauriger als sonst oder auch ängstlicher als sonst.
Wichtig ist mir dabei immer: Ein einzelnes Zeichen beweist gar nichts.
Es geht um Muster und darum, ob sich das Verhalten über eine gewisse Zeit verändert.
Der Fokus fehlt häufiger oder einfache Aufgaben werden plötzlich vergessen.
Interesse und Eigeninitiative nehmen sichtbar ab.
Mehr Gereiztheit, Traurigkeit oder Ängstlichkeit als sonst.
Aufgaben müssen plötzlich mehrmals angesprochen oder erinnert werden.
Ein schlechter Tag ist noch keine Überlastung
Jeder Mensch hat schlechte Tage. Das gehört zum Leben.
Wenn jemand einen Tag unkonzentriert, gereizt oder unmotiviert ist, löst das bei mir noch keinen Alarm aus.
Für mich gibt es verschiedene Levels.
Relevant wird es dann, wenn sich das negative Verhalten über längere Zeit hält oder sogar von Tag zu Tag stärker wird.
Genau dann beginne ich mich zu fragen: Ist das nur eine schwierige Phase oder entwickelt sich hier ein dauerhafter Zustand?
Je länger und stärker sich die Veränderung zeigt, desto ernster nehme ich sie.
Die Betroffenen merken es häufig selbst nicht richtig
Aus meiner Erfahrung erkennen Mitarbeiter oft nicht selbst, wie weit eine Überlastung bereits fortgeschritten ist.
Wenn man selbst mitten in einer Situation steckt, redet man sich vieles schön.
Man sagt sich vielleicht: «Es ist nur diese Woche», «Das geht schon», «Ich muss einfach durchziehen» oder «Andere schaffen das ja auch».
Dadurch verschiebt sich die eigene Wahrnehmung.
Genau deshalb kann eine Führungskraft manchmal Veränderungen sehen, die der Mitarbeiter selbst noch gar nicht richtig einordnen kann.
Das bedeutet aber auch: Das Gespräch muss sehr sensibel geführt werden.
Ich blockiere bewusst eine Stunde für das Gespräch
Wenn ich das Gefühl habe, dass bei einem Mitarbeiter etwas nicht stimmt, möchte ich das nicht zwischen Tür und Angel ansprechen.
Ich blockiere dafür bewusst ungefähr eine Stunde.
Dann setze ich mich mit der Person hin und beginne nicht direkt mit: «Du bist überlastet.»
Ich starte lieber mit eher oberflächlichen Themen und offenen Fragen zur Firma, zur Arbeit oder dazu, wie die Person bestimmte Dinge aktuell erlebt.
Das Ziel ist für mich, zuerst eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich das Gespräch locker anfühlt.
Danach kann es schrittweise intensiver werden.
Menschen können dann schnell zumachen. Ein lockerer Einstieg schafft eher Raum für ein ehrliches Gespräch.
Ich versuche, die Worte des Mitarbeiters aufzunehmen
Im Gespräch stelle ich offene Fragen und höre genau darauf, wie der Mitarbeiter selbst seine Situation beschreibt.
Diese Aussagen versuche ich später aufzugreifen, wenn ich meine eigene Wahrnehmung anspreche.
Dadurch wirkt es weniger wie ein Vorwurf und mehr wie ein gemeinsames Anschauen der Situation.
Wenn etwas Unangenehmes ausgesprochen werden muss, würde ich nicht mit einem Ultimatum beginnen.
Für mich ist ein Einstieg wie «Ich mache mir Sorgen, weil …» deutlich besser.
Damit sage ich klar, dass ich etwas beobachtet habe, ohne die Person sofort in eine Verteidigungshaltung zu bringen.
Normaler Stress ist temporär – Überlastung ist ein Dauerzustand
Stress gehört zum Berufsleben.
Es gibt Phasen, in denen viel läuft, Termine eng sind oder ein Team stärker gefordert wird. Das allein ist für mich noch keine Überlastung.
Die Begriffe Eustress und Distress kennen viele. Schwieriger ist es, im echten Arbeitsalltag zu erkennen, wann Belastung noch tragbar ist und wann sie kippt.
Meine persönliche Abgrenzung ist relativ einfach:
Wenn Erholung ausbleibt und negative Veränderungen über längere Zeit bestehen bleiben, muss man als Führungskraft genauer hinschauen.
Genau das macht die Aufgabe so sensibel. Man möchte nicht jede schwierige Woche dramatisieren, aber gleichzeitig auch nicht warten, bis jemand komplett ausfällt.
Manchmal zeigt sich Überlastung nicht als Müdigkeit, sondern im Verhalten
Ein Beispiel aus meiner Erfahrung war, dass Regeln plötzlich weniger eingehalten wurden.
Das hätte man oberflächlich einfach als mangelnde Disziplin betrachten können.
Im Hintergrund spielte aber die Motivation eine Rolle.
Für mich ist das ein wichtiger Punkt: Wenn ein sonst verlässlicher Mitarbeiter plötzlich Dinge anders macht, sollte man nicht nur auf das sichtbare Verhalten reagieren.
Man sollte sich auch fragen, was sich dahinter verändert hat.
Das bedeutet nicht, dass Regeln unwichtig werden. Aber wenn man nur sanktioniert, ohne die Ursache zu verstehen, löst man möglicherweise das eigentliche Problem nicht.
Was Führungskräfte aus meiner Sicht vermeiden sollten
Ich halte es für problematisch, einen Mitarbeiter direkt vor anderen auf seine Überlastung anzusprechen oder sofort mit Konsequenzen zu beginnen.
Genauso wenig hilft es, Veränderungen einfach zu ignorieren, wenn sie über längere Zeit sichtbar sind.
Auch ein vorschnelles Etikett wie «Der ist einfach unmotiviert» kann zu kurz greifen.
Für mich ist Führung an diesem Punkt vor allem Beobachtung, Gespräch und Einordnung.
Eine Verhaltensänderung kann verschiedene Ursachen haben.
Solche Gespräche gehören für mich in einen geschützten Rahmen.
Mit Sorge und Beobachtung beginnen statt mit Ultimaten.
Wenn sich ein negatives Muster verstärkt, sollte die Führungskraft reagieren.
Fazit: Früh erkennen heisst zuerst beobachten
Überlastung im Team erkennt man für mich nicht an einem einzigen Symptom.
Man erkennt sie daran, dass sich ein Mensch über längere Zeit gegenüber seinem normalen Verhalten verändert.
Ein schlechter Tag ist normal. Wenn Konzentration, Motivation, Stimmung oder Verlässlichkeit aber dauerhaft schlechter werden, sollte eine Führungskraft genauer hinschauen.
Der nächste Schritt ist für mich nicht Kontrolle, sondern ein gutes Gespräch.
Zeit reservieren, offen fragen, zuhören, die Worte des Mitarbeiters aufnehmen und die eigene Wahrnehmung vorsichtig ansprechen.
Überlastung zu erkennen ist sensibel. Sie zu ignorieren, obwohl sich die Zeichen über längere Zeit häufen, ist für mich aber die schlechtere Lösung.
Häufige Fragen
Was sind typische Warnsignale für Überlastung?
Mögliche Veränderungen sind weniger Konzentration, fehlender Fokus, sinkende Motivation, Desinteresse, häufigeres Vergessen, stärkere Gereiztheit, Traurigkeit oder Ängstlichkeit. Entscheidend ist für mich aber immer die Veränderung gegenüber dem normalen Verhalten dieser Person.
Ist ein schlechter Tag bereits ein Warnsignal?
Nein. Jeder Mensch hat schlechte Tage. Relevant wird es, wenn sich negative Veränderungen über längere Zeit halten oder zunehmend verstärken.
Wie spreche ich einen Mitarbeiter auf mögliche Überlastung an?
Ich würde einen ruhigen, geschützten Rahmen schaffen, offene Fragen stellen und nicht direkt mit einer Diagnose oder einem Vorwurf beginnen. Ein Einstieg wie «Ich mache mir Sorgen, weil …» kann deutlich besser funktionieren.
Merken Mitarbeitende ihre eigene Überlastung immer selbst?
Nein. Wenn man selbst mitten in der Situation steckt, kann man Veränderungen normalisieren oder sich vieles schönreden. Deshalb kann die Beobachtung von aussen hilfreich sein.
Was ist für mich der Unterschied zwischen Stress und Überlastung?
Normaler Stress ist temporär. Überlastung ist für mich ein länger anhaltender Zustand, bei dem Erholung fehlt und negative Veränderungen bestehen bleiben oder zunehmen.
Ein schlechter Tag ist normal. Ein dauerhaft veränderter Mensch verdient Aufmerksamkeit.
Führung beginnt für mich damit, Veränderungen wahrzunehmen und früh genug ein ehrliches Gespräch zu ermöglichen.
