Prävention beginnt, solange es einem noch gut geht
Für mich ist Prävention ziemlich einfach erklärt: Man macht etwas für die eigene Gesundheit, bevor ein grösseres Problem entstanden ist.
Das klingt logisch, ist im Alltag aber erstaunlich selten. Viele Menschen beschäftigen sich erst dann ernsthaft mit ihrer Gesundheit, wenn sie Schmerzen haben, sich eingeschränkt fühlen oder im Alltag nicht mehr so funktionieren wie vorher.
Diejenigen, die wirklich präventiv etwas machen, sind häufig Menschen, die aktuell gar keine Beschwerden haben. Sie bewegen sich regelmässig, trainieren, gehen in die Sauna, lassen sich behandeln oder gönnen sich bewusst Erholung, weil sie ihren aktuellen Zustand erhalten möchten.
Prävention bedeutet, etwas zu tun, solange der Körper noch gut funktioniert.
Die meisten Patienten kommen erst, wenn bereits etwas vorhanden ist
In meiner Praxis ist es eher die Ausnahme, dass jemand ohne Beschwerden kommt und ausdrücklich sagt: «Ich möchte vorbeugen.»
Die meisten Patienten kommen, weil bereits etwas da ist. Und häufig besteht das Problem nicht erst seit gestern, sondern schon seit Wochen, Monaten oder teilweise Jahren.
Dadurch verändert sich auch die Behandlung. Ein Problem, das sich über lange Zeit aufgebaut hat, lässt sich nicht immer mit derselben Einfachheit angehen wie eine frühe Belastungsreaktion.
Genau deshalb halte ich frühes Reagieren für so wichtig. Je früher jemand beginnt, den eigenen Körper ernst zu nehmen, desto mehr Möglichkeiten hat man, bevor sich Beschwerden im Alltag festsetzen.
Ein Patient wartete fünf Jahre mit seinen Knieschmerzen
Eines der extremsten Beispiele aus meiner Praxis war ein Patient mit chronischen Knieschmerzen.
Er hatte ungefähr fünf Jahre Beschwerden und hatte in dieser ganzen Zeit weder einen Arzt noch eine Therapie aufgesucht.
Als er zu mir kam, behandelte ich ihn intensiv. Gleichzeitig empfahl ich ihm, das Knie ärztlich abklären zu lassen, um ernstere Ursachen auszuschliessen.
Die Behandlung half ihm sehr gut. Für mich war aber fast noch wichtiger, was danach passierte: Er begann sich viel stärker mit seiner eigenen Gesundheit auseinanderzusetzen.
Aus jemandem, der fünf Jahre gewartet hatte, wurde jemand, der heute bewusst präventiv arbeitet.
Der Patient hat verstanden, dass er nicht wieder fünf Jahre warten muss, bis er sich um seinen Körper kümmert.
Was Unternehmen aus meiner Sicht sinnvoll präventiv machen können
Für Unternehmen würde ich Prävention nicht unnötig kompliziert aufbauen.
Wenn ich mit einem begrenzten Budget beginnen müsste, würde ich zuerst in Bewegung investieren. Ein Beitrag an ein Fitnessabo kann sehr viel abdecken: Kraft, Ausdauer, Mobilität und je nach Angebot auch Kurse oder Regeneration.
Danach kommt für mich Ergonomie. Gerade bei sitzender Arbeit oder einseitigen Belastungen kann ein Arbeitsplatz vieles erleichtern – aber nur dann, wenn Mitarbeitende ihn auch richtig nutzen.
Entscheidend ist für mich nicht nur, dass ein Angebot vorhanden ist. Die Mitarbeitenden müssen wissen, dass es existiert und warum es sinnvoll sein kann.
Fitness, Training, Yoga, Pilates oder andere Bewegungsangebote unterstützen die körperliche Belastbarkeit.
Arbeitsplätze sollten zur Tätigkeit passen und nicht unnötig zusätzliche Belastung erzeugen.
Ein Präventionsangebot bringt wenig, wenn Mitarbeitende gar nicht wissen, dass es existiert oder weshalb sie es nutzen sollten.
Beschwerden ernst nehmen, bevor daraus längere Einschränkungen oder Ausfälle entstehen.
Meine drei Prioritäten: Bewegung, Psyche und körperliche Beschwerden
Wenn ich betriebliche Gesundheit priorisieren müsste, wären für mich drei Bereiche besonders wichtig.
Erstens Bewegung. Der Körper ist dafür gemacht, benutzt zu werden. Je nach Tätigkeit bewegen wir uns im Alltag aber zu wenig oder zu einseitig.
Zweitens psychische Belastung. Wir leben und arbeiten in einem leistungsorientierten Land. Leistung gehört dazu. Entscheidend ist für mich aber, wie Menschen innerhalb dieser Belastung miteinander umgehen.
Wird ein Mitarbeiter unterstützt oder zusätzlich unterdrückt? Herrscht im Team eine Energie, in der man sich gegenseitig hilft, oder entsteht zusätzlicher Druck?
Drittens körperliche Beschwerden. Wenn ein Mitarbeiter immer wieder dieselben Beschwerden hat, sollte man nicht warten, bis er irgendwann komplett ausfällt.
Belastung lässt sich nicht immer vermeiden. Aber es macht einen grossen Unterschied, ob Menschen sich innerhalb dieser Belastung gegenseitig unterstützen oder zusätzlich schwächen.
Gesundheitsmassnahmen sind eine Farce, wenn der Alltag chronisch krank macht
Ich halte Gesundheitsangebote grundsätzlich für sinnvoll. Aber ich finde es eine Farce, wenn ein Unternehmen viel Geld für Präventionsmassnahmen ausgibt und gleichzeitig seine Mitarbeitenden dauerhaft in einen chronischen Stresszustand bringt.
Ein Fitnessabo, ein Gesundheitstag oder eine Firmenmassage können gute Angebote sein. Sie gleichen aber keine schlechten Arbeitsbedingungen aus.
Natürlich gibt es Phasen, in denen eine Firma mehr leisten muss. Und natürlich gibt es Branchen, in denen eine gewisse Belastung einfach dazugehört.
Aber gerade in der Therapiewelt halte ich dauerhafte Überlastung für sehr gefährlich. Der Beruf ist körperlich und mental anspruchsvoll. Wenn jemand dauerhaft über seine Grenzen arbeitet, wird das langfristig weder für den Mitarbeiter noch für das Unternehmen gut funktionieren.
Warum Prävention für mich günstiger ist als Rehabilitation
Der wirtschaftliche Zusammenhang ist relativ einfach.
Solange ein Mitarbeiter gesund und arbeitsfähig ist, kann er seine normale Leistung erbringen. Fällt er aus, fehlt diese Leistung.
In unserer Praxis kann ein voll ausgelasteter Therapeut ungefähr sechs Behandlungsstunden pro Tag leisten. Bei CHF 140 pro Stunde entspricht das einem möglichen Tagesumsatz von rund CHF 840.
Schon wenige Ausfalltage können deshalb wirtschaftlich deutlich mehr kosten als ein sinnvoller Beitrag an Bewegung oder ergonomische Verbesserungen.
Natürlich kann man nicht beweisen, dass ein bestimmtes Fitnessabo exakt drei Krankheitstage verhindert hat. So einfach funktioniert Gesundheit nicht.
Aber für mich ist die Logik klar: Alles, was die körperliche und psychische Belastbarkeit sinnvoll unterstützt und vermeidbare Beschwerden reduziert, ist günstiger, als erst dann zu reagieren, wenn ein Mitarbeiter länger eingeschränkt oder arbeitsunfähig ist.
Vor allem dann, wenn zusätzlich Umsatz, Lohnkosten, Organisation und eingeschränkte Kapazitäten zusammenkommen.
Prävention kann nicht jede Krankheit verhindern
Auch das gehört für mich zur Ehrlichkeit dazu.
Ein Mensch kann sich sehr gut ernähren, regelmässig bewegen und auf seine Gesundheit achten und trotzdem eine Grippe, einen Virus, eine bakterielle Infektion oder eine andere Erkrankung bekommen.
Das lässt sich nicht vollständig kontrollieren.
Wo Prävention aus meiner Sicht besonders viel beeinflussen kann, ist die körperliche Belastbarkeit, der Umgang mit Beschwerden und ein Teil der psychischen Belastung im Arbeitsumfeld.
Deshalb würde ich Prävention niemals als Garantie verkaufen. Sie reduziert Risiken und stärkt Ressourcen – sie macht einen Menschen nicht unverwundbar.
Fazit: Nicht warten, bis Gesundheit zum Problem wird
Für mich ist Prävention günstiger als Rehabilitation, weil man handelt, bevor ein Problem gross geworden ist.
Das gilt für Patienten genauso wie für Unternehmen.
Wer fünf Jahre mit Beschwerden wartet, hat einen anderen Ausgangspunkt als jemand, der früh reagiert. Und ein Unternehmen, das erst über Gesundheit spricht, wenn Mitarbeitende bereits regelmässig ausfallen, beginnt sehr spät.
Meine Priorität wäre deshalb klar: Bewegung fördern, psychische Belastungen ernst nehmen, körperliche Beschwerden früh angehen und Gesundheitsangebote so kommunizieren, dass Mitarbeitende sie überhaupt kennen und nutzen können.
Prävention bedeutet für mich nicht, dass niemand mehr krank wird. Sie bedeutet, alles Sinnvolle zu tun, damit Menschen möglichst lange gesund bleiben.
Häufige Fragen
Wann beginnt Prävention?
Für mich beginnt sie, solange es einem noch gut geht. Ziel ist nicht nur, bestehende Beschwerden zu behandeln, sondern Gesundheit und Belastbarkeit möglichst lange zu erhalten.
Welche Präventionsmassnahme würde ich Unternehmen zuerst empfehlen?
Ein sinnvoller Beitrag an Bewegung beziehungsweise ein Fitnessangebot wäre für mich einer der ersten Schritte. Danach würde ich die Ergonomie und die tatsächlichen Belastungen am Arbeitsplatz anschauen.
Kann Prävention Krankheitstage verhindern?
Nicht vollständig. Infektionen und andere Erkrankungen lassen sich nicht komplett vermeiden. Prävention kann aber körperliche Belastbarkeit, Gesundheitsbewusstsein und bestimmte beeinflussbare Risikofaktoren unterstützen.
Warum reichen Gesundheitsbenefits allein nicht?
Weil ein Benefit schlechte Arbeitsbedingungen nicht ausgleichen kann. Wenn Mitarbeitende dauerhaft überlastet oder psychisch unter Druck gesetzt werden, muss zuerst an diesen Rahmenbedingungen gearbeitet werden.
Warum ist Prävention wirtschaftlich interessant?
Weil Ausfälle nicht nur Lohnkosten verursachen. In einer Dienstleistungsbranche können zusätzlich Umsatz, Kapazität und organisatorische Ressourcen verloren gehen. In unserer Praxis stehen bei einem voll ausgelasteten Therapeuten beispielsweise rund CHF 840 möglicher Tagesumsatz auf dem Spiel.
Prävention beginnt nicht beim Schmerz.
Sie beginnt dort, wo Gesundheit noch vorhanden ist und bewusst erhalten werden soll.
