Wertschätzung ist für mich nicht einfach Lob
Ein «Gut gemacht» kann schön sein. Aber wenn der restliche Umgang mit einem Mitarbeiter nicht stimmt, bringt dieses Lob wenig.
Wertschätzung zeigt sich für mich viel stärker im Alltag: Höre ich zu? Nehme ich die Arbeit meines Mitarbeiters ernst? Vertraue ich ihm? Gebe ich ihm Verantwortung? Kann er eine andere Meinung haben, ohne dass ich das persönlich nehme?
Gerade als Arbeitgeber finde ich es wichtig, dass Wertschätzung nicht erst dann stattfindet, wenn jemand aussergewöhnlich viel leistet. Ein Mitarbeiter sollte nicht permanent beweisen müssen, dass er Respekt verdient.
Sie zeigt sich über längere Zeit darin, wie ein Unternehmen und seine Führungskräfte mit Menschen umgehen.
Die kleinen Dinge sind oft entscheidender
Ich glaube nicht, dass Wertschätzung immer eine grosse Geste braucht. Oft sind es relativ einfache Dinge.
Ein Mitarbeiter hat ein Problem und ich nehme mir Zeit. Jemand hat eine Idee und ich höre sie mir an. Ein Mitarbeiter macht seine Arbeit gut und ich lasse ihn auch einfach arbeiten, anstatt ständig zu kontrollieren.
Dazu gehört für mich auch, transparent zu kommunizieren. Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, die einem Mitarbeiter vielleicht nicht gefällt, kann ich trotzdem erklären, weshalb ich sie treffe.
Wertschätzung bedeutet nicht, dass immer alle bekommen, was sie möchten. Sie bedeutet für mich, dass man Menschen auch bei unterschiedlichen Interessen respektvoll behandelt.
Vertrauen ist für mich eine Form von Wertschätzung
Ich habe meinen Mitarbeitern grundsätzlich viel Freiheit gegeben. Nicht weil mir egal war, was sie machen, sondern weil ich davon ausgehe, dass erwachsene Fachpersonen Verantwortung übernehmen können.
Natürlich gibt es Bereiche, die kontrolliert werden müssen. Gesetzliche Vorgaben, Dokumentation, Qualität und die Zufriedenheit beziehungsweise Sicherheit der Patienten gehören dazu.
Aber ich sehe keinen Sinn darin, jeden Arbeitsschritt zu kontrollieren, wenn das Ergebnis stimmt.
Wenn ein Mitarbeiter merkt, dass ihm etwas zugetraut wird, verändert das meiner Erfahrung nach auch die Art, wie er Verantwortung übernimmt. Zu viel Kontrolle kann dagegen genau das Gegenteil bewirken.
Vertrauen bedeutet für mich nicht, alles durchgehen zu lassen. Es bedeutet, einen klaren Rahmen zu setzen und innerhalb dieses Rahmens Eigenverantwortung zu ermöglichen.
Wertschätzung zeigt sich besonders dann, wenn etwas schiefläuft
Es ist einfach, wertschätzend zu sein, solange alles funktioniert. Interessanter wird es, wenn ein Fehler passiert.
Natürlich gibt es Fehler, die angesprochen werden müssen. Für mich ist aber entscheidend, wie das geschieht. Ich möchte zuerst verstehen: Warum ist das passiert? War etwas unklar? Fehlte Wissen? War die Person überfordert? Oder wurde eine klare Regel bewusst ignoriert?
Je nach Ursache braucht es eine andere Reaktion.
Wenn jeder Fehler sofort dazu führt, dass ein Mitarbeiter Angst vor Konsequenzen oder persönlicher Kritik bekommt, wird er irgendwann versuchen, Fehler zu verstecken. Das hilft weder dem Unternehmen noch den Patienten.
Gleichzeitig gehört für mich zur Wertschätzung auch Ehrlichkeit. Wenn jemand wiederholt Vereinbarungen nicht einhält oder gewährte Freiheit bewusst ausnutzt, muss es Konsequenzen geben. Wertschätzung und klare Führung widersprechen sich nicht.
Warum Wertschätzung auch mit Gesundheit zu tun hat
Ich würde nie behaupten, dass fehlende Wertschätzung allein krank macht oder dass gute Führung Krankheiten verhindert. Dafür sind Gesundheit und Krankheit viel zu komplex.
Aber der Arbeitsplatz ist ein grosser Teil unseres Lebens. Wenn jemand jeden Tag das Gefühl hat, kontrolliert, nicht ernst genommen oder unfair behandelt zu werden, entsteht zusätzliche Belastung.
Umgekehrt kann ein Umfeld, in dem man sich sicher fühlt, Probleme ansprechen darf und weiss, woran man ist, einen Teil dieser unnötigen Belastung reduzieren.
Deshalb sehe ich Wertschätzung nicht nur als Frage der Mitarbeiterzufriedenheit. Sie gehört für mich zu den Rahmenbedingungen, unter denen Menschen jeden Tag arbeiten.
Ein Benefit kann fehlende Wertschätzung nicht ersetzen
Firmenmassage, Gesundheitsangebote, Früchte, Fitnessabos oder andere Benefits können sinnvoll sein. Ich finde solche Angebote gut, wenn sie zum Unternehmen und zu den Mitarbeitenden passen.
Aber sie funktionieren für mich nicht als Ersatz für einen schlechten Umgang miteinander.
Wenn ein Mitarbeiter sich im Alltag nicht ernst genommen fühlt, wird eine Massage einmal im Monat dieses Grundproblem nicht lösen. Dasselbe gilt für einen Gesundheitstag oder ein Geschenk zu Weihnachten.
Deshalb würde ich immer zuerst die Unternehmenskultur und die tägliche Führung betrachten. Zusätzliche Angebote können danach echte Wertschätzung ergänzen – aber nicht vortäuschen.
Was ich als Arbeitgeber darüber gelernt habe
Mitarbeiterführung ist für mich kein Bereich, in dem man irgendwann fertig gelernt hat. Menschen sind unterschiedlich. Was bei einer Person gut funktioniert, funktioniert bei einer anderen vielleicht überhaupt nicht.
Ich habe dabei auch Fehler gemacht und Entscheidungen getroffen, die ich rückblickend anders treffen würde. Gerade dadurch habe ich gelernt, dass Führung nicht bedeutet, immer recht zu haben.
Für mich geht es vielmehr darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem gute Arbeit möglich ist. Dazu gehören Vertrauen und Freiheit, aber genauso klare Erwartungen und Konsequenzen.
Und ich glaube, dass Mitarbeiter sehr schnell merken, ob Wertschätzung nur kommuniziert wird oder ob sie tatsächlich gelebt wird.
Nicht jede Rückmeldung muss umgesetzt werden. Aber sie sollte ernst genommen werden.
Fachpersonen Verantwortung geben, statt jeden Arbeitsschritt zu kontrollieren.
Erwartungen, Grenzen und notwendige Standards verständlich kommunizieren.
Wertschätzung bedeutet nicht Beliebigkeit. Wiederholtes Fehlverhalten muss angesprochen werden.
Fazit: Wertschätzung erkennt man nicht am Lob
Ob ein Unternehmen seine Mitarbeitenden wertschätzt, zeigt sich für mich nicht daran, wie häufig Führungskräfte «Danke» sagen.
Es zeigt sich im täglichen Umgang: bei Vertrauen, Kommunikation, Verantwortung, Fehlern, Entscheidungen und darin, ob Mitarbeitende als Menschen und Fachpersonen ernst genommen werden.
Benefits und Lob können das ergänzen. Aber die Grundlage entsteht jeden Tag.
Und genau deshalb kann Wertschätzung auch für die Gesundheit relevant sein: Nicht weil sie jede Belastung verhindert, sondern weil gute Führung zumindest nicht noch zusätzliche, vermeidbare Belastung erzeugen sollte.
Häufige Fragen
Was bedeutet Wertschätzung am Arbeitsplatz?
Für mich bedeutet sie vor allem respektvollen Umgang, Zuhören, Vertrauen, klare Kommunikation und das Ernstnehmen der Arbeit und Verantwortung eines Mitarbeiters.
Ist Lob dasselbe wie Wertschätzung?
Nein. Lob kann ein Teil davon sein. Wertschätzung zeigt sich aber langfristig im Verhalten und in der Art, wie Führungskräfte auch in schwierigen Situationen mit Mitarbeitenden umgehen.
Kann Wertschätzung die Gesundheit von Mitarbeitenden verbessern?
Gesundheit wird von vielen Faktoren beeinflusst. Ein wertschätzendes Arbeitsumfeld kann jedoch unnötige soziale und organisatorische Belastungen reduzieren. Eine Garantie gegen Krankheit ist es nicht.
Bedeutet wertschätzende Führung, dass es keine Konsequenzen geben darf?
Nein. Klare Grenzen und Konsequenzen gehören für mich zu guter Führung. Entscheidend ist, dass sie nachvollziehbar und respektvoll umgesetzt werden.
Können Benefits wie Firmenmassage Wertschätzung zeigen?
Ja, sie können ein Zeichen davon sein. Sie ersetzen aber keinen respektvollen täglichen Umgang und keine gute Führung.
Wertschätzung wird nicht angekündigt. Sie wird erlebt.
Gute Führung zeigt sich im täglichen Umgang mit Mitarbeitenden – gerade dann, wenn nicht alles perfekt läuft.
